what-do-you-fancy-love-golifeWhat do you fancy love?“ – das ist der Name eines Berliner Cafés und genau dort sitze ich gerade. Das W-Lan läuft nicht richtig aber es gibt coole Aufkleber. Einen habe ich mir gerade auf den Laptop gepappt. In der netzfreien Zone komme ich dazu, mir ein paar Gedanken zu machen.

Warum bin ich überhaupt in Berlin? Das ist einfach: Weil sich mein Leben in Heidelberg gerade zu schnell dreht. Weil ich mir zu viele Termine in den Kalender packe – berufliche und private. Weil ich mich in der Arbeit für meine Kunden verliere und eigene Projekte zu kurz kommen. Weil ich Dinge auf der Liste habe, die zu Hause einfach nicht erledigt werden. Und weil manchmal die Prioritäten neu sortiert werden müssen.

In einem fremden Umfeld geht das. So gerne ich zu Hause bin – manchmal schätze ich die Anonymität der Großstadt. Gerade brauche ich sie dringend.

Ich bin aber nicht nur gekommen, um mich zu sortieren. Ich will kreiieren. Neues schaffen. Denn auch ich habe mich in den letzten Monaten gefragt:


„What do I fancy love?“

Wie bin ich dazu gekommen, mir diese Frage zu stellen? Ich fange vorne an. Wenn dich die Reise nicht interessiert, kannst du zu Teil 2 dieses Artikels springen. Ich freue mich aber, wenn du dir Zeit nimmst, zuzuhören – ich erzähle dir die Geschichte meiner Selbstständigkeit. Vielleicht hilft sie dir.

Im Sommer 2015 Jahren musste ich einsehen, dass ich als Angestellte nicht funktioniere. Zumindest nicht so, wie es in einem mittelständischen oder größeren Unternehmen erwartet wird. Was war passiert? Nichts. Es lief gut für mich: Ich arbeitete seit 2 Jahren in der Marketing-Abteilung eines Reiseveranstalters, hatte tolle Kollegen, eine gute Arbeitsatmosphäre, Freunde, Hobbies – das Leben war gut.

Aber: Ich fühlte mich gefangen – und zwar jeden Tag ein bisschen mehr.

Warum war das so? Ich ertrug es nicht, mein Leben nach der Stechuhr zu planen. Mich Weisungen zu fügen, auch wenn ich anderer Meinung war. Immer wieder dieselben Aufgaben zu verrichten, immer wieder Fehler auszubügeln, die nicht auf meinem Mist gewachsen waren. Ich langweilte mich zu Tode.

Dabei arbeitete ich bereits im kreativen Bereich. Doch trotz vieler Überstunden war mein Kopf vollkommen unausgelastet. Wohin mit den 1000 Ideen? Dem Interesse für quasi ALLES? Wohin mit meinem Organisationstalent? Wohin mit der kompromisslosen Leistungsfähigkeit in kritischen Situationen? Wie konnte ich an diesem Platz anderen Menschen dabei helfen, über sich selbst hinauszuwachsen? Gar nicht.

Ich lief auf Sparflamme und das wirkte sich auch auf meine Arbeit aus. Ich machte Flüchtigkeitsfehler, verbrachte zu viel Zeit damit, mit Kollegen zu quatschen und ärgerte mich über mich selbst. Eigentlich arbeite ich nämlich sehr gerne.

Dann wurde ich krank. Mein Körper schlug Alarm und zeigte die unmöglichsten Symptome: Schilddrüsenprobleme, unzählige Infekte, Augenmigräne (krasse Sache, musste ich auch googlen), sehr schmerzhafte Verspannungen und immer wieder Fieber unbekannter Ursache. Plötzlich reagierte ich auf Lebensmittel, die ich immer gut vertragen hatte. Der Höhepunkt war eine Gürtelrose, für die ich mit 28 Jahren eigentlich viel zu jung war. Mein Blut wurde auf so ziemlich jeden Mangel, jede Allergie und jedes Virus dieser Welt getestet – ohne Ergebnis.

Natürlich, denn eigentlich kannte ich die Ursache.

Als ich schließlich meine Kündigung einreichte, weinte ich. Tränen der Erleichterung, gemischt mit einem Schuss Wehmut. Weil ich mich trotz allem in diesem Unternehmen wohlgefühlt hatte. Und auch, weil es doch irgendwie absurd schien, eine unbefristete Stelle mit Perspektive einfach so zu kündigen. Aber ich konnte nicht anders.

Selbstverständlich hatte ich mir bereits Gedanken darüber gemacht, wie meine Selbstständigkeit aussehen sollte. Hatte mir überlegt, was ich anbieten würde und wie ich die ersten Kunden erreichen wollte. Trotzdem sprang ich von  heute auf morgen ins kalte Wasser. Bedingungslos.

Zu diesem Zeitpunkt beantwortete ich die Frage: „What do you fancy love?“ für mich mit „Freiheit“.

Im Nachhinein wundere ich mich selbst, wieviel Glück mir während der ersten Monate zuteilwurde. Die ersten Aufträge im Bereich Text, PR und Design ergaben sich einfach so im Familien-, Freundes und erweiterten Bekanntenkreis. Das verschaffte mir erste Referenzen und Selbstvertrauen. Ich lernte die richtigen Menschen im richtigen Moment kennen und nutzte jede Chance, die sich ergab.

(Finanziell abgesichert war ich in dieser Zeit übrigens u. a. durch die sehr gute Gründungsförderung der Agentur für Arbeit.)

Dann kam der erste Winter. Die Gründungsförderung lief aus, der Startzuschuss meiner Eltern war aufgebraucht und ich stand nun wirklich komplett auf eigenen Beinen. Finanziell gesehen, war dies bis heute die schwierigste Zeit meiner Selbstständigkeit. Da ich mich nicht einschränken wollte, trat ich den Weg nach vorne an – und ging kellnern.

Jetzt zahlte sich die harte Hotelfachausbildung wieder einmal aus: Kellnern kann ich ziemlich gut. Ich jobbte also 2 – 3 x die Woche in einer größeren Brauerei mit gehobener Küche. Zum Mindestlohn. Aber in der Weihnachtszeit ging ich mit 50 – 80 € Trinkgeld pro Abend nach Hause. (Vorteil am Rande: Wer in einer Brauerei arbeitet, kann sich das Fitnessstudio sparen.)

„Ach, klappt es doch nicht so mit der Selbstständigkeit?“ hörte ich mein Umfeld stumm fragen.

Das Gegenteil war der Fall: Der Nebenjob verschaffte mir Luft zum Atmen und die Freiheit, darüber nachzudenken, wo ich mit meinem Business in den nächsten Jahren hinwollte. Ein vermeintlicher Schritt zurück ist nämlich häufig ein Schritt nach vorne – auch wenn das nicht jeder gleich versteht. Als kurz darauf meine Kunden aus dem Winterschlaf erwachten und ich die Kellnerei wieder an den Nagel hängen konnte, wusste ich, dass ich alles richtig gemacht hatte. Und war verdammt stolz auf mich.

(Mittlerweile würde ich mir übrigens wünschen, dass manche Kunden mal ein bisschen Winterschlaf machen.)

Das Beste, das Allerbeste an der Sache aber war: Ich war gesund. Natürlich nicht immer und zu jeden Zeitpunkt. Aber die Stresssymptome waren verschwunden.

Doch nun stand ich vor der nächsten Herausforderung, denn mir war etwas klar geworden:
Meine Zukunft lag nicht in der Stadt, in der ich gerade lebte.

Wie es weiterging liest du in Teil 2 dieser Geschichte.